„Wir spielen einfach, was wir fühlen, und was wir wirklich sind“: Billy Cobham über Groove, Ziele und Vergänglichkeit

Der panamische Master-Drummer, Komponist, Producer und Pädagoge Billy Cobham hat schon frühe musikalische Erfolge erzielt und gehört dank seiner Entdecker- und Experimentierfreude zu den einflussreichsten Wegbereitern des Fusion und Jazz-Rock. 41 Jahre nach Veröffentlichung seines Debütalbums „Spectrum“ hat er nichts von seiner musikalischen Frische verloren. Sein neuestes Album „Tales From The Skeleton Coast“ wurde im Januar 2014 veröffentlicht. Dieses präsentiert er momentan auf seiner aktuellen “70th Birthday Celebration Tour 2014″. Zu dieser gehört auch ein Abstecher nach Rubigen: Zwei Tage vor seinem 70. Geburtstag gibt Billy Cobham mit seiner ersklassig besetzten Band in der Mühle Hunziken ein sensationelles Konzert.

Billy Cobham in der Mühle Hunziken. Foto: Roland Kämpfer

Billy Cobham in der Mühle Hunziken. Foto: Roland Kämpfer

Mittwochnachmittag im wolkenverhangenen Rubigen: Die ersten Mitmusiker von Billy Cobham treffen ein, machen sich an die Instrumente. Die Atmosphäre ist locker und fühlbar optimistisch. Eine halbe Stunde später fährt Billy Cobham mit seiner Frau Faina auf dem Parkplatz der Mühle Hunziken ein. Das letzte Konzert spielte er mit seinen Bandmitgliedern einige Tage zuvor in Deutschland. Nach dem Soundcheck, der quasi als “Mini-Privatkonzert” ausgefallen ist, nimmt sich Schlagzeuger-Legende Billy Cobham Zeit, um mit BluesReissue.ch ein Gespräch zu führen.

Während seine Truppe daneben bereits mit dem Essen beginnt, erzählt er über seine Anfänge, über seine Arbeit mit dem Gitarristen Tommy Bolin und über verschiedene Musikerformen. Dabei sticht seine pädagogische Seite durch, indem er interessante Inputs für Musiker bereithält und die Wichtigkeit der bewusst erlebten Zeit betont.

Billy, du wohnst in Schüpfen. Von hier aus organisierst du deine internationalen Projekte. Geboren bist du in Panama. Viele Jahre hast du in der Jazzmetropole New York gelebt – Was fasziniert dich an der Schweiz?

Billy Cobham: Es ist sehr friedlich hier. In dem strengen Business mit all den Auftritten und der Hektik ist es wichtig für mich, eine Art „Oase“ zu haben, die ruhig und verhältnismässig friedlich ist. Du kannst trotzdem auf der ganzen Welt Zuhörer haben – hier in der Schweiz ist es angenehm zu leben.

Im Januar hast du dein neustes Album „Tales From The Skeleton Coast“ veröffentlicht. Was bedeutet dir dieses Album persönlich?

„Tales From The Skeleton Coast“ bedeutet mir sehr viel. Jedes meiner Alben ist für mich eine Art Ausdruck meiner Lebensreise. Dieses ist das dritte von vier Alben, das ich zu Gedenken meiner Eltern geschrieben habe bzw. noch schreiben werde. Ich wollte quasi Musik „für sie“ machen. Musik, die den Tag aufhellt. Die auch ihnen sehr gefallen würde. Ich erinnerte mich dabei oftmals an die Zeit mit ihnen. Sie waren beide auch Musiker. Musik war stets eine starke Verbindung zwischen uns.

Von neu zu alt: Letztes Jahr hat deine erste Soloplatte „Spectrum“ ihr 40-jähriges Jubiläum gefeiert. Dieses Album hast du unter anderem mit Tommy Bolin realisiert. Wie hast du die Arbeit mit ihm erlebt?

Er war sehr lebendig. Was ich an ihm am meisten mochte, war die Fähigkeit, sich abzuheben. Tommy Bolin war die männliche Version von Amy Winehouse. Oder Janis Joplin. Er hatte auch viel von Jimi Hendrix.

In welchem Kontext? Bis auf das junge Todesalter…

Sie hatten alle eine spezielle Gabe. Irgendwie konnten sie das Leben wohl in einem langsameren Tempo sehen. Das zeigte sich zum Beispiel im Bezug darauf, wie sie ihr Umfeld und die Menschen darin in Musik umwandelten. Was Tommy angeht: Er hörte die Musik, er fühlte sie, und gab sie wieder. Dies auf eine sehr wirkungsvolle Weise. Er war ein Gefühlsmusiker. Einige akademisch hochstehende Musiker, die lange zur Schule gingen und viel lernten, können oftmals einfache Dinge, Gefühle, Erlebnisse musikalisch nicht wiedergeben – weil sie “zu viel wissen“. Tommy wusste einfach das: Wie man Dinge und Erfahrungen in Musik wiedergibt. Und es wirkte: Seine Spielart repräsentierte die Massen. Das war es, was ich von einem Musiker brauchte.

Da hast du wohl einen guten Fang gemacht.

Ja, genau. Wir waren auch sehr gute Freunde. Ich sah ihn das erste Mal, als er 18, oder 19 Jahre alt war, an einem grossen Rockfestival in South Carolina. Er spielte damals in der Band namens “Zephyr”, und ich war in einer Band voller verrückter Leute (lacht)… Randy Brecker, Michael Brecker, John Abercrombie – um nur einige verrückte Mitglieder zu nennen. Als wir “Zephyr” hörten, nahmen wir praktisch nur den Gitarristen wahr. Ich könnte dir kaum etwas von einem anderen Mitglied erzählen. Tommy hatte diese spezielle Ausstrahlung. Er zog die Leute in den Bann.

Vor deiner Arbeit mit ihm hast du im Mahavishnu Orchestra als Gründungsmitglied gespielt. Wenn du deine Musik jetzt mit der früheren Musik im Mahavishnu Orchestra vergleichst: Was hat sich grundlegend verändert?

(Ohne zu überlegen) Der Groove. (Lacht) Ohne die Komplexität dieses Materials zu vergessen: Das Mahavishnu Orchestra hatte auch Groove, aber anderen. Es hatte mehr „intellektuellen“ Groove, wenn du verstehst. Der Groove, den wir jetzt haben, entspricht eher dem Groove der Massen, der Leute auf der Strasse. Wir spielen einfach, was wir fühlen, und was wir wirklich sind. Ohne zu versuchen, intellektuell besser als andere zu sein. Wir konkurrieren nicht. Und vieles der im Mahavishnu Orchestra geschriebenen Musik repräsentiert genau dieses Element. Es gab da Musiker, Genies, die schrieben ihre Musik eher wie eine Sportart. Und natürlich: Es konnte grooven, sie hatten da das nötige Feeling dazu. Im Vergleich: Mein Material wurde mit zwei Fingern am Keyboard geschrieben und gespielt, und jeder schüttelte bei dem Anblick wohl den Kopf… wahrscheinlich jedes intellektuelle Musikergenie. Aber schliesslich fand es dennoch Anklang.

Selina Moser im Interview mit Billy Cobham. Foto: Roland Kämpfer

Selina Moser im Interview mit Billy Cobham. Foto: Roland Kämpfer

Das kann man wohl sagen. Was mich interessiert, ist auch dein soziales Engagement. Anfang der 90er Jahre hast du im Auftrag von UNICEF in Brasilien gespielt. Dabei hast du ein Musikprojekt für Strassenkinder unterstützt.

Ja, ich habe mit vielen Strassenkindern gearbeitet, die keine Perspektive hatten, und nicht wussten, was aus ihnen werden sollte. Sie hatten ein kurzes Leben, mussten um ihr Überleben kämpfen. Im zarten Alter von 11, 12, 13 Jahren hatten sie zum Teil selber schon Kinder, rauchten, tranken… mussten sich wie Erwachsene verhalten. Dabei fand ich vor allem die Beziehung zu den Einzelnen eindrücklich. Sehr interessant, und gleichzeitig sehr hart, dies mitzuverfolgen.

Das ist verständlich. Du selbst hattest ja eine etwas andere Kindheit. Bereits mit 8 Jahren hattest du deinen ersten bezahlten Auftritt. Was waren deine Ziele damals? Was sind deine Ziele jetzt?

Ich wollte Schlagzeuger sein. Und zwar der Beste sein, der Lauteste, der schnellste Schlagzeuger. Ich lernte, dass es wichtig ist, seine Ideen auch umzusetzen, und weniger davon zu sprechen… Das ist oftmals eine Art „Lebensproblem“, denke ich. Ich lernte ebenfalls, wie wichtig es ist, Beziehungen entwickeln zu lassen. Dazu gehört auch die Beziehung zum Instrument selber. Heute will ich mein Leben einfach noch geniessen, und das Beste aus jedem Tag machen. Ich bin sehr zufrieden und versuche, jedem Tag etwas Positives abzugewinnen.

Hast du eine spezielle Inspirationsquelle?

(Überlegt) Inspiration kommt von überall her. Ich finde, Musik ist eine Reflexion deiner Lebenserfahrung, das können auch ganz alltägliche Dinge sein. Jeden Tag, jede Sekunde, geschieht etwas, wodurch diese Inspiration kommt. Ich habe da keine spezielle Quelle. Oder: Die ganze Welt ist eine Quelle.

Wie sieht es umgekehrt mit Selbstzweifeln aus: Hast du musikalisch jemals damit zu kämpfen gehabt?

Vielleicht früher, ja. Aber, als dieser Moment da war und ich mir die Frage stellte, weshalb ich jemals an diesem Punkt angekommen bin, sah ich ein: Es gibt keinen Wettbewerb. Du musst niemandem etwas beweisen. Dieser selbstauferlegte Druck hemmt dich und nimmt dir deine Kreativität.

Du bist ja Rechts- und Linkshänder zugleich. Sehr bemerkenswert: Wie hat sich das entwickelt? War das schon immer so?

Gute Frage, ich weiss es nicht mehr genau. Ich weiss aber noch, dass mir in meiner Kindheit damals einige zum Teil sehr erfahrene Musiker (dazu gehörte auch mein Vater) sagten, ich spiele “falsch”, weil man keinen Schlagzeuger sah, der so spielte. Also spielte ich andersherum. Als ich alleine war, spielte ich wieder auf meine Art. Und so habe ich mir angewöhnt, beide Hände gleich zu benutzen. Ich kannte aber niemanden, der auf beide Arten Schlagzeug spielte. Grundsätzlich habe ich es als Kind also einfach ausprobiert, ohne dass ich mir gross Gedanken darüber gemacht habe. Ich finde es wichtig, seine Talente frei und aus eigener Hand zu entdecken.

Dein Einfluss macht sich bei zahlreichen Drummern bemerkbar, du inspirierst Generationen. Allgemein bist du ein grosses Vorbild für viele Musiker. Was ist dein Rat an junge Musiker?

Vor allem: Habt Geduld. Das ist aus meiner Sicht der wichtigste Rat. Viele junge Musiker sind heutzutage sehr beschäftigt, wollen alles möglichst schon gestern erledigt haben. So haben sie die Tendenz, die Grundlagen zu verpassen und im Verlaufe der Zeit darauf zurückkehren zu müssen. Viele Musiker sehen das Spiel auch als Sport: möglichst schneller, lauter sein als die anderen. Es wird zu sehr verglichen, dabei geht das Grundlegende, die individuelle Auseinandersetzung mit der Musik verloren. Was mir auch auffällt, ist die Angst vor dem Fehlermachen. Dabei ist gerade das wichtig: Fehler zu machen und zu ihnen zu stehen, damit man lernen kann. Aber wer macht schon gerne Fehler? Seine Schwachstellen entblösst niemand gerne. Bei Sängern ist das noch ausgeprägter. Sie sind immer auf eine Art und Weise „verwundbarer“: Grossartige Stimmen halten nicht lange… leider. Statt sich jedoch zu sehr auf die Fehler zu konzentrieren, sollte man sein Schaffen eher als Kunst anschauen. Denn die Zeit, die du nicht schätzt, verlierst du. Bewusst erlebte Zeit bringt dich weiter.

Apropos Zeit: Du wirst übermorgen 70. Wie verbringst du deinen Geburtstag?

(Lacht) Ich verbringe ihn sicher mit Freunden und nehme es gemütlich.

Billy, danke für das interessante Gespräch.

Comments
  • Sebastian Antworten

    Wunderbar interessant zulesender Beitrag.

Kommentare

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