Derek Trucks: «Mit Made Up Mind bleiben wird standhaft»

Das «Rolling Stone»-Magazin zählt Derek Trucks zu den «100 Greatest Guitarists Of All Time» – und das im Alter von nur 35 Jahren als bisher jüngster Musiker. Sein Gitarrenspiel mit dem Bottleneck-Slide macht jeden Song von ihm zu einem Erlebnis. Doch der aus Jacksonville, Florida stammende Musiker hält nicht viel von einer One-Man-Show: Deshalb gründete er 2010 zusammen mit seiner Frau Susan die Tedeschi Trucks Band.

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Mit ihrem 2013 erschienenen Album «Made Up Mind» im Gepäck ist das Ehepaar mit ihren neun Mitmusikern zurzeit auf einer Tour durch Europa und die USA. Am letzten Wochenende spielte die Tedeschi Trucks Band neben Buddy Guy und Quinn Sullivan am Montreux Jazz Festival. Im Auditorium Stravinski liess die elfköpfige Blues-Combo ein Klang-Feuerwerk los – zum Abschluss gab’s dann noch einen Jam mit US-Legende Buddy Guy.

Vor dem Konzert traf sich BluesReissue.ch mit Derek Trucks und Susan Tedeschi zu einem Interview und sprach mit ihnen über ihre Bandphilosophie, über das Artwork des aktuellen Albums «Made Up Mind», über die Doppelbesetzung am Schlagzeug, Stratocaster-Gitarren und ihre Verbindung zum Montreux Jazz Festival.

Wenn ich Bandfotos von euch betrachte, dann sehe ich die Tedeschi Trucks Band als eine grosse Familie. Seit ihr zufrieden mit der aktuellen Situation?

Derek Trucks: Ja, dieses Foto fasst unsere Band wirklich gut zusammen. Wir lieben es, mit der Band zu reisen, zu spielen und Zeit miteinander zu verbringen. Wir sind in der Tat eine grosse Familie. Mit der Band unterwegs zu sein ist keine Arbeit, es ist was anderes. Jeder versucht sich in der Band so einzubringen, dass wir unsere Ziele erreichen – jeder sorgt sich um die Gruppe. In dieser Hinsicht sind wir eben auch eine Familie. Wenn mal jemand zu fest in die eine Richtung zieht, gleicht ein anderer sie aus. Wir haben eine offene Kommunikation innerhalb der Band.

Wie wichtig ist dir die Chemie in einer Band, Susan?

Susan Tedeschi: Für eine Band ist die Chemie das Wichtigste. Bei unserer Band ist es toll, dass wir nicht nur als Musiker miteinander funktionieren, sondern eben auch als Menschen. Wenn du als Band unterwegs auf Tour bist, ist Respekt und das gegenseitige Aushelfen ein sehr wichtiger Faktor. Und das erlebe ich bei unserer Band als sehr positiv. Auf dieser Basis macht es den Alltag für mich viel einfacher. Auch musikalisch stimmt die Chemie bei uns sehr – das ist wirklich inspirierend. Wir haben talentierte Musiker, von denen ich immer weiter lernen kann. Wir pushen uns gegenseitig, so können wir uns ständig weiterentwickeln.

Derek Trucks: Bei uns ist die Chemie zum Beispiel auch weit wichtiger als bei Bands, die immer wieder dasselbe Material wiedergeben. Wir sind nicht einfach Künstler, die von einer Background-Band begleitet werden. Bei uns findet viel Improvisation statt, wir müssen gut aufeinander abgestimmt sein und aufeinander hören… die Songs bei uns varieren von Konzert zu Konzert. Es ist wichtig, dass jeder am selben Strick zieht und wir alle auf derselben Seite sind. Wir könnten nicht einfach Teufelskerle an Instrumenten anheuern, das funktioniert bei uns nicht.

Du kanntest beispielsweise Mike Mattison oder Kofi Burbridge von deiner Solo-Band. Doch wie habt ihr eigentlich die anderen Musiker gefunden. Hattet ihr gewisse Kriterien?

Derek Trucks: Mit all unseren jetzigen Bandmitgliedern haben wir über die Jahre hinweg bereits in irgendwelcher Weise zusammengespielt. Als wir die Band gründeten, hatten wir in unseren Hinterköpfen, mit wem wir gerne spielen würden. Taylor, unser Schlagzeuger, spielte in Susans Band. Ich lernte J.J. Johnson durch Doyle Bramhall II. kennen. J.J. spielte im Trio von Doyle und auch bei Gary Clark Jr., mit dem wir auch spielten als er gerade am Aufkommen war. Kebbi Williams, unser Tenor-Saxophonist, kenne ich bereits seit Jahren und wollte schon jahrelang mit ihm zusammen an einem Projekt arbeiten…

Susan Tedeschi: Derek hatte dieselbe Idee wie ich. Auch ich wollte Kebbi als Saxophonist in meiner Band haben. (lacht)

Derek Trucks: Nun, und nachdem wir alle Bandmitglieder gefunden hatten, brachten wir sie zusammen in einen Raum und versuchten herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Wir haben drei oder vier Monate in unserem Studio verbracht, schrieben Songs und spielten sie. Es kamen Leute ein und aus. Wir arbeiteten in einer entspannten Atmosphäre. Bei gewissen Formationen merkten wir ziemlich schnell, dass das gewisse Etwas vorhanden war. Das war beispielsweise so, als Taylor und J.J. zusammen Schlagzeug spielten. Augenblicklich war uns klar, das wird so funktionieren.

Was ist denn das Besondere daran, zwei Schlagzeuger zu haben?

Derek Trucks: Das ergibt einen grossartigen Sound. Wenn zwei Schlagzeuger zusammen spielen, dann hört sich das an wie ein Güterzug («like a freight train»). Ich spielte ja bereits mit den Allman Brothers mit zwei Schlagzeugern in einer Band. Joe Cocker hatte auf seiner «Mad Dogs & Englishmen»-Tournee auch zwei Drummer dabei… auch die Band von James Brown hatte zwei. Beide können gleichzeitig spielen oder der eine die Drums, der andere nur Percussion… du hast einfach viele Optionen dadurch, gerade weil wir diese als eine elfköpfige Band auch brauchen.

Auf dem Cover vom aktuellen Album «Made Up Mind» ist auf der rechten Seite ein Zug zu sehen, auf der linken Seite ein Bison. Was war eure Idee hinter diesem Artwork?

Derek Trucks: Nun, das ist nicht leicht zu beantworten. «Made Up Mind» ist für mich so im Sinne von «standhaft bleiben» zu verstehen… buchstäblich (lacht). Als ich das Bild gesehen und darüber nachgedacht hatte, kam mir in den Sinn, dass wir mit der Tedeschi Trucks Band eher Musik im Stile der «alten» Schule machen… halt sehr auf eine organische und natürliche Weise. Ich habe das Gefühl, dass sich die Welt der Musik zurzeit grundsätzlich auf einer anderen Ebene abspielt. Es kommt mir vor, als würde die Welt und die Realität manchmal auch etwas an mir vorbeigehen. Aber ich denke, dass weder ich mich so schnell ändern werde noch sich andere verändern… daher steht dieses Artwork gewissermassen auch ein bisschen für diese alte vs. neue Auffassung von Musik. Das Artwork ist toll geraten – denn es mag zwar nicht gut ausgehen für uns, aber eine Kollision mit einem Zug wäre sicherlich eine spektakuläre Sache… (lacht)

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Ihr habt das Album bei euch im Home-Studio aufgenommen. Was war da anders, wie hat das euren kreativen Prozess beeinflusst?

Susan Tedeschi: Natürlich brachte das uns viele Vorteile. Einerseits war es natürlich sehr gemütlich, weil wir keinen Stress hatten. Meistens wenn du Aufnahmen in einem Studio machen gehst, lebst du in einem Hotel und nicht zuhause. Man hat auch nur eine gewisse Zeit zum Aufnehmen, was dich dazu drängt, nach einem Zeitplan zu arbeiten. Wir hatten bei uns zuhause genügend Zeit um zu schreiben, zu üben und dann aufzunehmen. Wir brauchten uns nicht Sorgen über das Zeitmanagement und die Finanzierung der Sessions zu machen, wir konnten uns einfach darauf konzentrieren, grossartige Musik zu schreiben. Das macht für die Musiker einen grossen Unterschied: Jeder war entspannt. Auch für mich war es sehr angenehm. Es war auch eine tolle Möglichkeit zu sehen wie Derek und unser Toningenieur Bobby Tis arbeiteten. Sie gaben wirklich ein tolles Team ab. Für die Aufnahmen ist die Chemie zwischen den Musikern und denen, die jeweils die Aufnahmen produzieren extrem wichtig. Bobby hat uns auch sehr gut getan, denn er wusste genau, wie er mit uns umzugehen hatte.

Derek Trucks: Als wir das Studio gebaut haben, machten wir damals die ersten Aufnahmen mit meiner Solo-Band. Die Band hat sich sozusagen auch dort erst richtig formiert. Jedes Mal, wenn wir wieder zurück ins Studio kamen, kannten wir die Umgebung bereits etwas besser. Man fühlte sich vor allem auch vertrauter mit dem Material. Es ist das vertraute «Zurückkommen» ins Studio, was es uns Musiker viel einfacher macht, gute Sessions zu spielen. Man kann auf bewährte Mittel zurückgreifen. Von Aufnahme zu Aufnahme wurde der Sound dann auch stetig etwas besser. Mit unserem eigenen Aufnahmestudio müssen wir nicht an einen für uns unbekannten Ort und von Null weg beginnen. Wenn wir unser Studio verlassen, sind die Set-Ups und all die Mikrofone beim nächsten Besuch dort wo wir sie zurückgelassen haben – und das finde ich beruhigend.

Susan, dein Mann ist einer der besten Gitarristen der Welt. Hast du dich eigentlich zuerst in die Person Derek Trucks oder aber in sein Gitarrenspiel verliebt?

Susan Tedeschi: Als ich Derek kennenlernte, wusste ich, dass er ein riesiges Talent ist. Als ich ihn das erste Mal am Radio hörte, dachte ich einfach: «Wow, der hat ja einen einzigartigen Sound». Und das beeindruckt mich, wenn ein Künstler seinen eigenen Sound hat. Und das hatte Derek eben bereits seit er ein Teenager ist. Als wir dann zusammen Dinge unternommen haben, merkte ich schnell, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Ich mag einfach auch seinen Charakter. Er ist sehr intelligent, er ist bescheiden… und er liebt auch Sport. Für mich ist es wichtig, sich neben der Musik auch für andere Dinge zu interessieren. Es war also wirklich Derek, in den ich mich verliebte, und nicht in den Gitarristen… um ehrlich zu sein, ich würde nie mehr einen Gitarristen oder Musiker daten… ich bin glücklich, jemanden wie Derek gefunden zu haben. Und ja – ich glaube auch, dass er einer der besten Gitarristen der Welt ist und ich bin stolz, mit ihm in einer Band zu sein.

Hat er über die Jahre hinweg einen Einfluss auf dein Gitarrenspiel entwickelt?

Susan Tedeschi: Nun, nicht wirklich auf das Gitarrenspiel, da er ja in Open Tunings spielt. Aber vielmehr hat er mich gelernt, besser hinzuhören und eine bessere Rhythmusgitarristin zu sein. Er hat mir beigebracht, nicht eine Frontfrau sein zu müssen, sondern ein Teil einer Band. Damit habe ich mich nun sehr gut zurechtgefunden, und es ist mir wohl innerhalb der Band. Es gibt noch viele andere Dinge: Von Derek habe ich viel über Freundschaften gelernt… dass man zwischendurch auch furchtlos sein und etwas wagen muss… er unterstützt mich auf vielen Ebenen – und dafür bin ich ihm dankbar.

Kann ich auf einige Detailfragen zu sprechen kommen? Derek, wann hast du angefangen, Slide-Gitarre zu spielen?

Derek Trucks: Eigentlich ziemlich von Beginn weg. Der erste Sound, der mich richtig inspirierte, kam von Duane Allman auf «At Fillmore East» oder «Eat a Peach­». Aber auch das Gitarrenspiel von Elmore James hat dazu beigetragen. Ich wollte auch so klingen wie sie. Mein Dad, der auch etwas Gitarre spielte, hat mir einige Sachen gezeigt. Ich ging bald bei einem Freund von ihm zum Gitarrenunterricht. In der zweiten oder dritten Lektion brachte er eine Slide-Gitarre mit – dann machte es bei mir dann wirklich auch «click». Vorher war das Gitarrespielen mehr ein Spass für mich. Für mich machte irgendwie eine Slide-Gitarre viel mehr Sinn als eine normale Gitarre. Im Alter von 9 Jahren hatte ich noch ziemlich kleine Hände, es war für mich einfacher, mit dem Bottleneck Slide zu spielen. Ich lernte mit dem Slide, viel besser hinzuhören und so fand ich auch einfacher die Töne, die ich suchte. Ich hatte Spass daran – und in diesem Alter ist die Freude ja das Wichtigste.

Weshalb spielst du vor allem im Open E-Tuning?

Derek Trucks: Ich habe wohl etwa das letzte Mal im Standard-Tuning gespielt, als ich elf Jahre alt war. Wie viele Jahre ist das her? (fragt Susan und beginnt laut zu lachen) Ja, auf jeden Fall ist es sehr lange her – das Open E- Tuning half mir, mich von anderen Gitarristen abzugrenzen. Ich wollte nicht gleich klingen wie sie. Ich finde vor allem diese Cliché-Licks übel, die viele Leute hinauf und hinunter spielen, weil sie in bestimmten Lagen leicht zu spielen sind. Mit dem Open E-Tuning sind solche Standards weniger einfach zu spielen, das Tuning drängt dich dazu, Alternativen zu suchen und die Töne anders zu spielen. Ich war es wohl auch einfach satt, immer dieselben Licks zu hören. Auch Akkord-Voicings sind im Open E-Tuning anders – ein Barré-Akkord in Open E spielst du generell nicht. Du musst einen anderen Ansatz finden, wie du diese Voicings spielst. Das hilft dir dieses einfache «Code»-Denken aufzubrechen, denn in Open E finde ich beispielsweise einen Akkord an acht verschiedenen Orten.

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Susan, du spielst oft eine Fender Stratocaster oder Telecaster über einen Fender Super Reverb. Weshalb bist du mit dieser Kombination zufrieden?

Susan Tedeschi: Ich liebte immer die Blackface Supers. Hier auf dieser Tour verwende ich zwar zurzeit einen Reissue, aber ich finde die älteren Fender Amps generell besser, weil sie einen wärmeren Ton haben. Sie haben einfach einen Ton, den ich sehr mag. Mit den neueren Fender Amps habe ich mich aber mittlerweile auch angefreundet, der Hersteller versucht sein Bestes mit ihnen. Ich mag es, wenn zu meinem Sound noch ein bisschen Reverb dazukommt. Als ich begann, E-Gitarre zu spielen, fand ich Magic Sam, Freddie King oder Johnny «Guitar» Watson toll, die auch viel mit Reverb experimentierten. Ich liebe diesen fetten, angereicherten Ton.
Eine Fender Stratocaster spiele ich eigentlich erst seit ein paar Jahren. Derek kaufte mir eine 1970 Fender Stratocaster mit Rosewood Neck. Drei Jahre zuvor spielte ich noch oft eine 1993 Fender Telecaster mit Rosewood Neck und auch eine D’Angelico New Yorker mit einem Hollowbody, die sie eigentlich für Derek gemacht haben. Ich hatte sie halt einfach zuerst gespielt und so gehörte sie mir (lacht). Doch für die Tedeschi Trucks Band ist die Stratocaster die perfekte Ergänzung zur SG von Derek. Ich liebe den Sound, den sie zusammen abgeben. Sie sind zwar soundtechnisch nicht weit auseinander, aber trotzdem genug, damit wir uns auseinanderhalten können. Es macht Spass mit diesem Equipment zu spielen.

Kommen wir zum Abschluss des Interviews noch einen Moment auf das Montreux Jazz Festival zu sprechen. Ihr spielt nicht das erste Mal hier, darum frage ich: Was ist das Besondere daran, hier zu sein und zu spielen?

Derek Trucks: Ich hatte bereits fünf oder sechs CDs oder einige DVDs vom Montreux Jazz Festival, bevor ich hier zum ersten Mal spielen durfte. Als ich unseren Namen zum ersten Mal auf diesem Programm stehen sah, war das schon ein sehr aufregender Moment. Es ist neben dem Newport Jazz Festival oder dem North Sea Jazz eines der Festivals, die wirklich Charakter haben. Claude Nobs hat hier eine Oase aufgebaut für die Musik – er war die Person hinter dem Ganzen. Claude hatte das Gespür, verschiedene Musiker zusammenzubringen und diese spielen zu lassen. Dabei hat sich immer etwas Magisches ereignet. Er konnte beispielsweise Aretha Franklin mit ihrer Band hier her holen: Das Footage ist wohl eines der Besten jener Ära. Er war ein Visionär und hat ständig alle Shows aufgenommen. Heute sind wir dafür dankbar.
Wir trafen Claude hier in Montreux ein paar Mal oder er besuchte uns in den Staaten. Bei ihm im Chalet zu sein war immer grossartig. Gestern war es irgendwie etwas anders. Die Gastfreundlichkeit und der Geist des Festivals ist zwar geblieben, aber er war halt nicht mehr da und flitzte nicht wie gewöhnlich umher, und wollte dir dauernd seltene Footages zeigen. Er wusste immer, was uns gefällt. Ich werde diese Zeit auf jeden Fall nicht so schnell wieder vergessen.
Das Montreux Jazz Festival hat er zu einem Ort gemacht, wo sich musikbegeisterte Menschen treffen. Wir sind heute zum ersten Mal nach seinem Tod am Festival, aber man kann seinen Spirit noch immer fühlen. Es arbeiten hier ja noch viel Leute, die ihn kannten. Ich hoffe, das Montreux Jazz Festival kann den Spirit im Sinne von Claude Nobs wahren. Ich weiss, dass ihm da genug Respekt für sein Vermächtnis entgegengebracht wird. Mit ihm ist einer der ganzen Grossen im Musikbusiness gegangen. Gleichzeitig ist es aber auch eine Chance, in die Zukunft zu schauen und seine Visionen weiterzudenken.

BluesReissue.ch bedankt sich herzlich bei Susan Tedeschi, Derek Trucks sowie Dominique Saudan von Sony Music Switzerland. Einen Dank geht ebenfalls an Roland Kämpfer (www.orlandipix.ch) für die Fotos.