Marcus Miller: Der Bass ist das Bindeglied in der Musik

Interview Marcus Miller, Baloise Session, 2. November 2016
Im Backstage Bereich der Messe Basel treffen wir den Multiinstrumentalisten zum Gespräch.

Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem Album von der Herangehensweise an Filmmusik?

Für ein Album gelten die eigenen Werte und Wünsche. Man folgt der Inspiration und testet verschiedene Möglichkeiten um sich dann für eine Variante zu entscheiden. Wenn man auf die Bühne geht, sieht man, ob die Arbeit ankommt und funktioniert. Beim Film arbeitest Du für den Direktor. Filmmusik bietet den Szenen, Inhalten und Werten die gezeigt werden die Möglichkeit stärker, lauter oder eindrücklicher zu sein. Ob das durch Kraft oder Sanftheit erreicht wird muss stimmen. Die Musik muss die Szene untermalen und gegebenenfalls verstärken. Allerdings ist das Thema im Gegensatz zum Album vorgegeben.
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Marcus, du hast eine Schwäche für den Bass. Du bist bekannt dafür einen beträchtlichen Teil der Instrumente auf deinen Alben selber einzuspielen. Auf der Bühne hingegen spielst du immer Bass. Erzähl uns über diese Präferenz und die Liebe zur Vibration.

Ich finde, dass der Bass das Bindeglied in der Musik ist. Er verbindet Rhythmus mit Melodie. Er kann das eine und beherrscht das andere. Die Tatsache, dass viele Leute beim Musik hören den Bass nicht wahrnehmen können, ist faszinierend. Sie hören die Basslinie nicht und können ihr auch nicht folgen. Sie bemerken dieses Bindeglied erst, wenn es plötzlich ausfällt und fehlt. Der Bass ist Rhythmus mit primären Harmonien. Somit hilft der Bass dem Schlagzeug mit den anderen Instrumenten und Stimmen zu kommunizieren. Er füllt die Musik, bringt das Herz in Bewegung und lässt den Körper vibrieren. Ich geniesse das!

Dann geht es also stark um Vibration?

Ja. Unbedingt. Diese grossen langen Vibrationen sind es die mir vor allem gefallen. Und dazu kommt dann auch noch der Rhythmus. Marcus lächelt.

Die CD Afrodeezia, die du auf der Sklavenroute und an anderen Orten die mit Menschenhandel und seinen Folgen zu tun haben, erarbeitet und aufgenommen hast, handelt von deiner Herkunft und Geschichte. Was bedeuten dir deine Wurzeln und was bedeuten Wurzeln in deinem Leben?

Ich bin das, was ich bin. In meinem Leben versuchte ich immer vorwärts zu blicken und vorwärts zu gehen. Das ist ausserdem das, was meine Eltern sich für mich wünschten. Das kannst du eine Zeit lang tun, aber da kommt ein Punkt, wo du aus den eigenen Wurzeln Inspiration bekommst. Wenn du dich nicht darum kümmerst, gehst du verloren. Du musst wissen woher du kommst um zu wissen wer du bist. Für mich kam diese Zeit mit Afrodeezia. Die Zeit war da um mich umzudrehen und hinzuschauen, mich meinen Wurzeln und meiner Herkunft hinzugeben und all dies zu vertonen. Ich habe plötzlich entschieden Französisch zu lernen. Ich weiss nicht warum. Vielleicht weil ich so viele Konzerte in Französisch sprechenden Ländern gebe. Jetzt bin ich fähig mich mit Westafrikanern, Nordafrikanern und Menschen aus dem Französischen Teil der Karibik auszutauschen. Das öffnete mir völlig neue Möglichkeiten zu kommunizieren. Das nächste war, dass ich einige Konzerte in Westafrika, Guadeloupe und der Karibik spielte. Und dazu kam, dass die Technologie es mir ermöglichte, meine DNA zurückzuverfolgen. So erfuhr ich, dass ich aus der Region Nigeria, Kamerun bis Elfenbeinküste stamme. All das geschah zur gleichen Zeit. Es ist natürlich gewachsen.

Sklaverei ist ein grosses Thema für Dich und Afrodeezia. Auch jetzt ist dieses Thema auf der Welt viel grösser als die meisten Menschen annehmen würden und wissen wollen. Aktuell sind viele Menschen in und um Kriegsschauplätze betroffen. Aber auch die Wirtschaftliche Sklaverei und das ausbeuten von Menschen in Privathaushalten ist Weltweit aktuell.
Was glaubst Du bringt Menschen dazu andere Menschen und Lebensformen zu unterdrücken?

Ich glaube, dass das unglücklicherweise in der Natur des Menschen liegt. Der Mensch kann sich über seine niederen Triebe allerdings erheben.Wir können in uns erkennen, dass wir eine Neigung und Möglichkeit dazu haben, schwächere auszugrenzen oder zu dominieren. Also können wir auch entscheiden, es nicht zu tun.Wir können erkennen und lernen und weitergeben. Wir sollten diese Fähigkeiten im Fokus behalten, nähren und leben. Die Tiere müssen viel stärker mit Ihrem Instinkt gehen. Wir haben andere Möglichkeiten.
So abgründig und erschütternd das Thema auch sein mag, wenn es gelingt die unmenschlichen Auswüchse von Sklaverei und Unterdrückung aufzuzeigen, kann es gelingen, dass noch mehr Menschen sich entscheiden, den Weg der Unterdrückung nicht mehr im Erwägung zu ziehen.
Wir dürfen dabei allerdings auch nicht vergessen, wie schnell Furcht oder Unbehagen vor etwas Neuem und Unbekannten in fast allen Menschen hochsteigt. Es fällt einfach leichter sich in bekanntem und ähnlichem zu erkennen. Dass Menschen, Tiere oder auch Situationen die uns sehr fremd sind halt auch befremdend auf uns wirken können ist natürlich. Deswegen mit Angst oder Überheblichkeit zu reagieren, ist aber meist unangebracht.

Du hast eine unglaubliche Karriere gemacht. Du hast mit Miles Davies, Michael Jackson, Herbie Hancock, Al Jarreau, Aretha Franklin……gearbeitet und auf unzähligen Alben mitgewirkt. Welches Ziel verfolgst Du in deiner Arbeit und wo willst Du hin?

Es war unglaublich toll mit Miles Davies, Stevie Wonder, Herbie Hancoock und all den anderen Musik zu machen. Für eine Weile jedenfalls. Jetzt geht es mir darum weiter zu gehen. Ich will möglichst viele Menschen erreichen ohne einfache Musik zu machen. Es gibt die Einfachheit und das Anspruchsvoll Komplizierte. Das dritte Level ist zu wissen, wie man Einfachheit und Anspruch kombiniert und nutzt. Da will ich arbeiten. Viele Musiker spielen einfach schnell, das wird dann mit Talent verwechselt. Dabei ist es das Resultat von Geschwindigkeitstraining. Ich will mehr Gefühl, mehr Ausdruck, mehr Inhalt.
Interview: Alexandra Bürki